Ein häufiges Thema in Versicherungsforen aber auch in meinen Beratungen ist die Frage, ob und wie der Versicherer denn überhaupt von einer vorvertraglichen Anzeigepflichtverletzung erfährt. Einen kleinen Auszug aus den Fehlinformationen stelle ich Ihnen hier vor.

Fehlinformation 1: „Wenn der Versicherer meinen Antrag mit den falschen Gesundheitsfragen annimmt, bin ich auf der sicheren Seite.“

Realität: Nein, überhaupt nicht. Der Versicherer prüft bei Antragstellung nicht, ob Sie die Fragen wahrheitsgemäß beantwortet haben. Es mag sein, dass der eine oder andere Arztbericht angefordert wird, um das Risiko besser einschätzen zu können. Dies aber in aller Regel dann, wenn Sie eine der Gesundheitsfragen mit „ja“ beantwortet haben und für den Versicherer nicht ersichtlich ist, um was es genau geht und mit welchen Kosten er für diese Erkrankungen im Laufe der Vertragslaufzeit schlimmstenfalls rechnen muss. In diesen Fällen prüft der Versicherer vor Antragsannahme, um die Entscheidung bezüglich der Antragsannahme treffen zu können. In allen anderen Fällen prüft der Versicherer nicht den Wahrheitsgehalt Ihrer Aussagen. Kreuzen Sie also fälschlicherweise ein „nein“ an oder bagatellisieren Sie eine Erkrankung kommt es somit erst einmal zum Vertragsschluss. Die Probleme ergeben sich dann für Sie im Leistungsfall. Die eigentliche Prüfung geht im Leistungsfall erst los.

Fehlinformation 2: „Wenn ich Stichtag Antragsstellung nur noch zu neuen Ärzten gehe, erfährt der Versicherer nichts von den vorherigen Arztbesuchen.“

Realität: Als GKV-Patient sind Ihre Daten bei der Krankenkasse  und/oder Kassenärztlichen Vereinigung gespeichert. Dies ist schon mal ein Weg, um an Vorbehandler zu kommen. Auch andere, früher abgeschlossene Versicherungsverträge mit Gesundheitsfragen können zum Bumerang werden. Waren Sie bei der Bundeswehr? Oder ist eine Gesundheitsprüfung für eine Verbeamtung oder sonstige Anlässe durchgeführt worden? Hatten Sie in den letzten Jahren Arbeitsunfälle? All diese Stellen (Aufzählung nicht abschließend) können dem Versicherer bei seiner Recherche möglicherweise weiter helfen. Leistungsfallprüfer sind da sehr einfallsreich.
Des Weiteren fragt Sie jeder neue Arzt nach Ihrer Vorgeschichte. Natürlich möchten Sie, dass der Arzt Ihnen weiter hilft und nichts gravierendes übersieht. Gehen Sie nicht davon aus, dass Sie immer nur wegen eines Schnupfens zum Arzt müssen, sondern auch ernsthaft erkranken können. Wollen Sie dann wirklich Details aus Ihrer Vorgeschichte weglassen und damit schlimmstenfalls eine falsche Behandlung riskieren? Sicher nicht. Also werden Sie im Interesse Ihrer eigenen Gesundheit die Fragen des Arztes immer wahrheitsgemäß beantworten müssen. Bei sehr vielen Erkrankungen ist es im Übrigen auch medizinisch nachweisbar, wie lange diese schon in etwa vorhanden sind und wie lange hier schon gravierende Beschwerden vorhanden sein müssen. Beispiel: Ein verschleißbedingter Bandscheibenvorfall entwickelt sich nicht von heute auf morgen und verursacht eine geraume Zeit vor dem Vorfall schon Beschwerden. Wer heute einen Antrag stellt und Fragen zu Beschwerden hinsichtlich des Bewegungsapparates/Rücken verneint und in 3 Wochen mit einem Bandscheibenvorfall im Krankenhaus liegt, hat schlechte Chancen – auch mit neuem Arzt, der nichts über diese Beschwerden wusste und weiß.

Fehlinformation 3: „Aber ich bin PKV-Patient mit hohem Selbstbehalt und habe die ganzen Rechnungen gar nicht eingereicht. Dann wird der Versicherer nichts herausfinden können.“

Realität: Abgesehen davon, dass auch bei einem PKV-Patienten die Leistungsfallprüfer einfallsreich bleiben, entbindet auch eine nicht eingereichte privatärztliche Rechnung nicht von der Angabepflicht. Egal, ob Sie nun gerade eine neue PKV abschließen wollen oder eine Berufsunfähigkeitsversicherung: Der Versicherer prüft den Wahrheitsgehalt Ihrer Angaben nicht unmittelbar! Er wird sich im Leistungsfall nicht nur an Ihre (vorherige) PKV sondern vor allem an Ihre Ärzte wenden. Und diese haben natürlich die Unterlagen komplett in ihrer Akte, egal, ob Sie nun GKV oder PKV-Patient sind und auch egal, ob Sie Rechnungen eingereicht haben oder nicht.

Fehlinformation 4: „Bagatellerkrankungen muss ich nicht angeben und das darf ich durchaus auch schon mal vergessen haben.“

Realität: Was eine Bagatellerkrankung ist, entscheiden nicht Sie oder Ihr Arzt oder der Versicherungsvermittler, sondern ausschließlich der Risikoprüfer, der Ihren Antrag vorliegen hat. Sie müssen demnach alles angeben, wonach Sie vom Versicherer gefragt werden. Fragt dieser nach den ambulanten Behandlungen der letzten X Jahre, so gehört da auch der Arztbesuch wegen des Schnupfens hin. Die Gewichtung übernimmt dann der Risikoprüfer. An das „Vergessen“ sind strenge Auflagen geknüpft. Erst einmal ist von Ihnen als Versicherungsnehmer schon zu erwarten, dass Sie sorgfältig und gewissenhaft Ihre Gesundheitsdaten zusammen tragen. Es ist Ihre Aufgabe, Ihre Ärzte zu konsultieren, Ihre Krankenkasse/Kassenärztliche Vereinigung bzw. PKV zu befragen und die Daten zu sammeln. Beantworten Sie die Fragen rein aus der Erinnerung heraus, kann es schon sein, dass man Ihnen mangelnde Sorgfalt unterstellt. Natürlich ist es unwahrscheinlich, dass es wegen des Vergessens einer einmaligen Behandlung wegen eines Schnupfens, größere Konsequenzen zu erwarten sind. Geht es jedoch um vier Arztbesuche wegen chronischer Rhinitis oder allergischem Schnupfen, sieht das Ganze möglicherweise auch schon wieder anders aus. Bei den vergessenen Diagnosen geht es oft auch um die Frage: Wie realistisch ist das Vergessen? Oder war es doch eher ein Verschweigen? Hier spielt sowohl Diagnose als auch Häufigkeit der Behandlung eine Rolle. Ebenso ist es unwahrscheinlicher, dass Sie einen Arztbesuch vor 2 Monaten vergessen, als einen Arztbesuch vor 9 Jahren. „Habe ich vergessen“ rettet Sie also nicht zwingend aus der Misere.

Ich kann nur immer wieder raten: Seien Sie gewissenhaft bei der Beantwortung der Gesundheitsfragen. Lassen Sie sich nicht darauf ein, Diagnosen nicht anzugeben, wenn Sie danach gefragt werden.

Vergessen Sie nicht: Leistungsprüfer sind von Berufswegen skeptisch, einfallsreich und haben einen enormen Erfahrungsschatz, was diese Thematik angeht.