In meinem letzten Beitrag habe ich schon über das merkwürdige Merkblatt eines Versicherers berichtet, das offenbar in erster Linie den Zweck hat, den Versicherungsnehmer zu verunsichern und vom angestrebten Tarifwechsel abzuhalten. Heute berichte ich über eine neue Variante der „Aufklärungsarbeit“ von Seiten eines weiteren Versicherers.

Der Versicherungsnehmer begehrte einen Tarifwechsel und bat den Versicherer ihm Vorschläge zu unterbreiten. Dieser Aufforderung kam der Versicherer nach und schlug einige Tarifvarianten vor. Diese Tarife reduzierten den Beitrag nicht unerheblich. Leider reduzierten sie aber auch den Versicherungsschutz in ganz erheblichem Maße. Der Versicherungsnehmer erhielt eine Leistungsübersicht, bei der das Ausmaß der Leistungseinschränkungen nur ansatzweise dargestellt wurde. Keine besondere Aufklärung, kein Warnhinweis, keine Aufklärung über Konsequenzen. Nichts – lediglich der Hinweis, dass die Tarifumstellung per einfacher Willenserklärung, also ohne Gesundheitsprüfung möglich sei.

Hiermit war der Versicherte nicht einverstanden und bat um weitere Tarifvorschläge. Erst dann rückte die Gesellschaft die wirklich interessanten Tarife heraus, die sowohl zu einer Beitragsreduzierung führten, den Versicherungsschutz aber in Teilbereichen nur geringfügig reduzieren, dafür in anderen Teilbereichen aber deutliche Mehrleistungen bieten. Und plötzlich gibt es zahlreiche „Warnungen“ des Versicherers, in dem die Minderleistungen hervor gehoben werden. Von den Mehrleistungen nur ein Wort am Rande. Der Versicherer schreibt in seiner Kundeninformation:

Sie beantragen einen Wechsel aus der X-Serie in die Y-Serie. Diese hat jedoch auf Ihren Versicherungsschutz erhebliche Auswirkungen. Neben einigen Leistungserweiterungen erwarten Sie …….

Und dann folgt eine Auflistung der Minderleistungen. Seltsam, dass die Mehrleistungen nicht auch einzeln aufgeführt wurden. Aber dann wüsste der Versicherungsnehmer ja schnell, dass die erheblichen Auswirkungen wohl eher zu seinen Gunsten und zu Lasten des Versicherers wären. Das geht natürlich nicht *Ironiemodus*

Wenn es nicht so traurig wäre, müsste man fast lachen, denn der Versicherer weist auf Minderleistungen hin, die eigentlich eher Mehrleistungen sind. Wenn der Versicherungsnehmer seinen aktuellen Tarif nicht so genau kennt, dann mag er auf diese Masche reinfallen. Der Versicherer schreibt:

Hilfsmittel: In X (Zieltarif) teilweise nur zu 100% erstattungsfähig, wenn sie über den Versicherer bezogen werden, sonst 80% (in Y (aktueller Tarif) keine entsprechende Einschränkung- Höchstbeträge für Hörhilfen und Perücken.

Um das Ausmaß dieser Irreführung zu verstehen, muss man sich vergegenwärtigen, dass hier ein offener Hilfsmittelkatalog (Zieltarif) einem geschlossenen und äußerst dürftigem Hilfsmittekatalog (aktueller Tarif) gegenüber steht. Der äußerst dürftige Hilfsmittelkatalog des aktuellen Tarifes umfasst: Brillen, Kontaktlinsen, Hör- und Sprechgeräte, Geh- und Stützapparate, Kunstglieder, Stoma-Versorgungsartikel, Bruchbänder, Leibbinden, Gummi- und Kompressionsstümpfe, orthopädische Einlagen sowie die Leihgebühren bei Rollstühlen, Sauerstoffkonzentratoren, Herz- und Atemmonitoren.

Ende der Aufzählung. Ende der Leistungspflicht für den Versicherer. Nur das, was dort aufgezählt wird, wird auch erstattet. Es gibt keinen Blindenhund, nicht einmal einen Blindenstock, keine Heimdialyse, kein Blutdruckmessgerät, keine Insulinpumpe, kein künstliches Auge, keine Brustprothese und ja, genau, ganz richtig – auch keine Perücke. (Aufzählung nicht abschließend, es gibt noch eine Vielzahl weiterer Hilfsmittel, die nicht versichert sind)

Wen soll dann die Höchstgrenze bei der Perückenerstattung interessieren, wenn er sie aktuell gar nicht erst versichert hat? Bezüglich der Hörhilfen ist der Einwand durchaus berechtigt. Da gibt es künftig einen Höchstbetrag für die Erstattung. D.h. im Falle des Falles ist es möglich, dass ein Eigenanteil verbleibt. Dieser ist aber überschaubar. Die jetzt fehlenden Hilfsmittel künftig aber vollständig abgesichert zu haben, ist viel wertvoller. Beispiel Blindenhund. Wird derzeit nicht erstattet. Anschaffung und Ausbildung kann gut 20.000,00 Euro kosten. Dies alle 10-13 Jahre, so lange der Hund halt lebt. Je nach Alter und Lebensdauer des Versicherten kann man sich gerne hochrechnen, wie viel Geld da zusammen kommen kann.

Hilfsmittelmanagement, ja und? Dann besorgen Sie das Hilfsmittel halt über den Versicherer. Jetzt können Sie es selbst besorgen, bekommen es im Zweifelsfall aber auch gar nicht erst erstattet. Was ist da wohl erstrebenswerter? Der Rollstuhl der im neuen Tarif über den Versicherer bezogen werden muss, gehört dann aber auch dem Versicherten. Im aktuellen Tarif bekommt man ihn als Leihgabe.

Weiter geht’s mit den Heilmitteln. Dazu schreibt der Versicherer:

Heilmittel werden in X (Zieltarif) nur gemäß tariflicher Liste erstattet. Keine entsprechende Einschränkung in der Y-Serie (Aktueller Tarif)

Gut, es gibt also ein Preisverzeichnis. Das kann man natürlich negativ werten, wenn es vorher keines gab. Wenn aber in diesem Fall die Heilmittel im aktuellen Tarif ganz wesentliche und oft benötigte Heilmittel wie Logopädie, Ergotherapie und Podologie nicht enthalten und der Zieltarif enthält diese sehr wohl, wie negativ ist diese Einschränkung dann zu werten? Nach einem Schlaganfall wird häufig Logopädie benötigt, oft auch sehr engmaschig und langwierig. Was ist besser? Logopädie ganz aus eigener Tasche zu bezahlen oder eine Preisvorgabe durch den Versicherer zu haben? Ich denke, Sie werden das genauso werten, wie ich.

Ein Lächeln zaubert mir der letzte Satz des Versicherers ins Gesicht:

„Trotz der genannten Einschränkungen bieten Ihnen die Tarife der X-Serie einen sehr guten Schutz. Die Tarife der X-Serie sind die klar bessere Alternative zur GKV-Absicherung. Gegenüber Ihrem bisherigen Schutz in der X-Serie stellen Sie jedoch in Teilbereichen eine Leistungsverschlechterung dar“

Taktisch klug gewählt. Könnte man doch interpretieren, dass man jetzt schlecht versichert ist aber immerhin noch besser als GKV. Und wer ist nicht in die PKV gewechselt um viel bessere Leistungen als in der GKV zu haben? Und nun soll ich nach einem Tarifwechsel näher an das GKV-Niveau kommen?

Nein, so ist das nicht. Der alte Tarif ist/war teilweise sogar unter GKV-Niveau. Aber das ist vielen Versicherten gar nicht bewusst, dass die PKV nicht immer und in jedem Leistungsbereich automatisch höherwertiger ist als die GKV. Man kann in der PKV durchaus auch wesentlich schlechter versichert sein als in der GKV.

Lassen Sie sich nicht ins Boxhorn jagen.

 

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Categories: Krankenversicherung

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