Invalidität in der privaten Unfallversicherung – Begutachtung


Fallen bei der Begutachtung bzw. wie wird der Invaliditätsgrad überhaupt ermittelt?

Invalidität Unfallversicherung

Die Ermittlung des Invaliditätsgrades geschieht zum einen durch festgelegte vertragliche Bestimmungen, nämlich die Bestimmungen zur Entschädigung nach Gliedertaxe und den Bestimmungen zur Entschädigung außerhalb der Gliedertaxe.
Zum anderen – und das ist ein ganz wesentlicher Aspekt bei der Regulierung – wird der Invaliditätsgrad durch eine medizinische Begutachtung festgelegt.

Dieser Artikel soll Ihnen helfen, eine geplante oder bereits erfolgte Begutachtung kritisch zu hinterfragen.

Wann sollten Sie besonders aufmerksam sein? Was sollte Ihnen „spanisch“ vorkommen? (kein Anspruch auf Vollständigkeit)


1. Wahl des Gutachters

Bei kleineren Versicherungssummen und auch bei kleineren Unfällen, werden häufig behandelnde Ärzte bzw. behandelnde Krankenhäuser für die Begutachtung ausgewählt. Je höher die Versicherungssummen und je schwerer die Unfallverletzungen, desto sorgfältiger wird der Versicherer den Gutachter auswählen. Sie ahnen aus welchem Grund! Schlussendlich können Sie gegen die Arztauswahl zunächst nicht viel unternehmen. Der Versicherer kann und darf den Gutachter wählen. Es ist nun keinesfalls angebracht, schon mit Antihaltung und verschränkten Armen zum gewählten Gutachter zu gehen.
Fazit: Wenn ein unabhängiger oder besser: „bislang unbeteiligter“ Gutachter beauftragt wird, hat das meistens einen guten Grund (für den Versicherer). Versuchen Sie trotzdem selbst zunächst eine neutrale Haltung einzunehmen. Das ist für die Begutachtung förderlicher.

2. Pi mal Auge?
Ich will nicht abstreiten, dass es gute und erfahrene Gutachter gibt, die die nötigen Messungen nach der Neutral-0-Methode per Augenmaß und dennoch recht treffsicher durchführen können. Aber wissen Sie das? Nein! Kann er das auch auf 10 Grad genau per Augenmaß? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht!
Deshalb sollten Sie kritisch sein, wenn der Gutachter bei der Untersuchung überhaupt keine Hilfsmittel zur Hand nimmt.
Praxisbeispiel: Ein Mandant ließ ein Gutachten von mir überprüfen. Die Bewertung passte soweit ganz gut zu den erhobenen Bewegungsmaßen nach Neutral-0. Aber die Bewegungsmaße passten überhaupt nicht zum Beschwerdebild und zu den Ausführungen im Gutachten. So habe ich dem Mandanten empfohlen, die Bewegungsmaße noch einmal durch einen anderen Arzt erheben zu lassen. Kleiner Aufwand, große Wirkung. Die Werte im Messblatt waren völlig falsch. Unklar blieb, ob der Gutachter sich „nur“ verguckt oder sein Winkelmessgerät verlegt hat oder ob ggf. auch die Schreibkraft einfach nur ganz harmlos und versehentlich falsche Werte eintrug, der Arzt dies nicht bemerkte und schlussendlich seine Beurteilung nur noch abschließend über den Bogen bzw. diesen Werten abgab (das kann durchaus passieren, wenn z.B. zwischen Begutachtung und Erstellung des Gutachtens längere Zeit vergeht). Der Versicherer zahlte jedenfalls anstandslos weitere 10.000,00 €.
Fazit: Was sollte der Arzt in Händen halten?  Winkelmesser und ein Umfangmessband.

3. Hellseher, Wahrsager oder doch „nur“ Arzt?
Zu einer ordentlichen Begutachtung gehören aktuelle und ausreichend umfängliche Befunde. Einen Teil der Befunde erhebt der Gutachter durch seine Untersuchung. Aber wenn z.B. nach einem schweren (Mehrfach-)-Knochenbruch bei der Begutachtung kein neues Röntgenbild erstellt wird (und auch kein solches vor kürzerer Zeit durch einen anderen Arzt gemacht wurde) dann ist Skepsis angebracht. Wenn z.B. nur das Röntgenbild vom Unfalltag und ggf. noch von der nachfolgenden OP herangezogen wird; aber zwischenzeitlich schon zwei Jahre vergangen sind, sind diese Bilder nicht mehr aussagekräftig genug.
Sicherlich kann man bei einem Zwischengutachten auch schon mal darauf verzichten, ein aktuelles Röntgenbild zu fertigen. Schließlich möchte man den Patienten nun auch nicht über Gebühr belasten. Wenn Sie allerdings das Abschlussgutachten in Händen halten, sollten Sie sich schon fragen, ob die Befunde ausreichend sind oder ggf. noch anderweitig Befunde besorgt werden müssen. Das gilt besonders dann, wenn das Ende des 3. Unfalljahres naht. Diesen Sachverhalt werden Sie als Laie nicht abschließend beurteilen können. Fragen Sie daher den Arzt Ihres Vertrauens, wie er das sieht.
Fazit: Ärzte können viel. Aber den eingebauten Röntgenblick hat meines Wissens keiner. Wenn die Begutachtung ohne aktuellen Röntgenbefund auskam, sollten Sie sich fragen: „Wieso?“ Vermeiden Sie es aber bitte, den Gutachter direkt (womöglich noch fordernd) darauf anzusprechen. Regeln Sie das ggf. hinterher, nachdem Sie eine Ausfertigung des Gutachtens vorliegen haben, denn nicht für jedes Gutachten ist eine Röntgenuntersuchung wirklich erforderlich. Holen Sie dann ggf. juristischen und/oder weiteren medizinischen Rat ein.
Fazit: Röntgenuntersuchungen (oder MRT/CT) sollten für die Begutachtung möglichst aktuell sein. Streiten Sie aber nicht mit dem Gutachter darüber, sondern gehen Ihren eigenen Weg nach der Begutachtung.

4. Schuster bleib bei deinen Leisten!
Skeptisch werden kann und darf man durchaus, wenn der Arzt die Kompetenz innerhalb seines medizinischen Fachgebietes überschreitet. Eine neurologische Schädigung kann z.B. nicht automatisch vom Orthopäden/Chirurgen mitbeurteilt werden, ohne dass ein separater neurologischer Befund vorliegt.  Idealerweise erstellt der Neurologe/Internist/Urologe/Gynäkologe, etc. ein entsprechendes Zusatzgutachten auf seinem Fachgebiet mit eigener Bewertung, die dann der Chirurg/Orthopäde als Hauptgutachter in seinem Gesamtgutachten einfließen lässt. Voraussetzung hierfür ist aber, dass der Chirurg/Orthopäde überhaupt einen entsprechenden Auftrag für die Zusatzbegutachtung vom Versicherer hat. Dies ist oft nicht der Fall. Der Versicherer spart sich hierdurch ganz klar Kosten. Ob das dann zu Ihrem Nachteil gereicht, wenn ein fachfremder Arzt – ohne entsprechende Befunde – Bewertungen auf einem für ihn fachfremden Gebiet abgibt, wird die Frage sein. In den Fällen von fachübergreifenden Mehrfachverletzungen sollte daher immer kritisch hinterfragt werden, ob der Arzt überhaupt die Kompetenz und nötigen Befunde für die abgegebene Bewertung hatte.
Fazit: Grenzüberschreitung der Ärzte hinterfragen, ggf. juristischen und/oder weiteren medizinischen Rat einholen

5. Schnell – schnell – zack – zack?
So erfreulich es im ersten Moment ist, wenn der Versicherer schnell und zügig sein Leistungsversprechen einhält und den Leistungsfall reguliert: Es ist nicht immer so gut, wie es im ersten Moment scheint. Gerade bei sehr schweren Verletzungen ist eine frühzeitige abschließende Regulierung sehr selten zum Vorteil des Versicherten. Besonders skeptisch sollten Sie sein, wenn Ihnen eine Abfindungserklärung vorgelegt wird. Unterschreiben Sie diese nicht ohne juristischen Rat. Natürlich freut es den Versicherer sehr, wenn der Gutachter zu seinen Gunsten bewertet hat. Warum daher die Argwohn des Versicherten wecken? Dann lieber schnell: „Scheck und weg“.
Fazit: Ganz schnell reguliert kann auch heißen: nicht angemessen reguliert.  Natürlich ist nicht jede schnelle Regulierung unangemessen. Manche Versicherer können es halt einfach (=den fairen Umgang mit ihren Versicherten), andere nicht.

6. Knapp daneben ist auch vorbei – oder doch nicht?
Nach meiner Erfahrung ist kaum noch ein Versicherer fair, wenn es um Grenzbereiche geht. Gerade noch unterhalb der Progression? Gerade noch unterhalb der Rente? Schön für den Versicherer. Schlecht für Sie, wenn Sie dies so hinnehmen. Natürlich kann man nicht ausschließen, dass Bewertungen auch mal sehr wohlwollend für den Versicherungsnehmer ausfallen und gerade deshalb der Grenzbereich fast erreicht wird. Die Regel ist dies aber eher nicht.
Fazit: Wenn Sie knapp die nächste Stufe „verfehlt“ haben, lassen Sie den Leistungsfall unbedingt prüfen.

7. Traue – schaue – wem?
Wissen Sie, was der Versicherer dem Gutachter an die Hand gegeben hat? Kaum einer fragt auch danach. Eigentlich sollten dem Gutachter alle vorliegenden Unterlagen/Befunde überreicht werden. Da das aber niemand überprüft, weiß auch niemand, dass vielleicht dieser oder jeder Befund gar nicht vorlag.  Das kann man aber über das Gutachten, in dem der Gutachter in der Regel aufschreibt, was er für die Begutachtung vorliegen hatte, ganz leicht nachvollziehen.
Fazit: Checken Sie das Gutachten dahingehend ab, ob auch alle wichtigen Befunde gewürdigt wurden und vorlagen.

Eine professionelle Gutachtenüberprüfung lohnt sich für Sie. Sie erhalten i.d.R. eine höhere Entschädigung. Hiervon einen kleinen Teil für Ihre Rechtssicherheit zu investieren, ist sehr sinnvoll.

Entweder wissen Sie dann, dass Sie gut entschädigt wurden und den Fall beruhigt abhaken können (kommt eher selten vor) oder Sie erfahren, dass Ihnen mehr Geld zusteht, als Ihnen gezahlt wurde. (ist häufiger der Fall)

Ich erstelle Ihnen gerne einen Kostenvoranschlag für die Gutachtenprüfung!

Kosten für die Prüfung eines Gutachtens erfragen!

 

Categories: Unfallversicherung

17 Comments

Kathrin · 5. September 2016 at 12:38

Hallo Fr. Bauermeister,
mir wurde von meiner PUV eine Abfindungserklärung zugesandt, hier wurde mir eine Invalidität von 21% gegeben ohne Gutachten oder ähnliches ich habe lediglich nur die Befunde von der BG mit geschickt. Daraufhin wurden 3/10 Fuß Beeinträchtigung ermittelt und ich sollte auf alles was noch kommt oder auch nicht verzichten. Ich habe am 03.Sep.2015 ein Arbeitsunfall erlitten. Mein linker Fuß wurde geschädigt. Talusbruch, Würfelbein und Calcaneus waren gebrochen durch eine OP wurde ich in einer BG Klinik gut versorgt. Mir wurde von der BG 18% Beeinträchtigung attestiert. (Keine Rente von der BG) Meine PUV meinte się haben die 21% gegeben weil ja erfahrungsgemäß dies i.o. ist.
Mir wurde durch meinen Arbeitgeben ein anderer Arbeitsplatz geschaffen da ich meinen alten Beruf nicht mehr ausüben kann. (das ist auch alles gut) Aber ich glaub einfach das die 21% nicht ausreichend sind (ich habe auch eine Progg. von 500% mit in meinen PUV Vertrag verankert) Diese Verletzung ist auch recht selten und ich kann wenig in Erfahrung bringen wie das behandlt wird oder
mit was ich rechnen kann. Auf jeden Fall habe ich jetzt Post von meinen PUV bekommen und die haben mir ein Gutachter benannt der sich dann mit mir in Verbindung setzt.
Können się mir einen Rat geben auf was ich unbedingt achten soll bei dem Gutachter ?
Können się mir durch ein paar Tipps helfen???
Danke und Gruß

Alexander Leidinger · 31. Januar 2017 at 18:56

Hallo Frau Baumeister,

ich wollte Sie fragen ob es normal ist das ein Arzt welcher schon in Pension ist noch Invaliditätsuntersuchungen macht?

vielen dank für Ihre Hilfe.

Mit freundlichen Grüßen

Alexander Leidinger

Kerstin · 1. März 2018 at 17:17

Hallo Frau Baumeister,
ich hatte in 12/2016 eine Ruptur der Quadrizepssehnr. Nun über ein Jahr später bin ich nach wie vor mobil eingeschränkt.
Da es ein Arbeitsunfall war habe ich jetzt mit BG und PUV zu tun. Ich muss zu zwei unterschiedlichen Gutachtern. Die PUV möchte das Gutachten von meinem behandelnden D-Arzt und die BG von meinem damaligen Operateur.
Meine Frage ist: Ist das gut oder schlecht bei meinen behandelnden Ärzten zur Begutachtung zu gehen?
Sind nicht Gutachter besser, die mich noch nie zuvor gesehen haben? Die BG hat mir noch andere Gutachter vorgeschlagen, die PUV nur „meinen“ D-Arzt.
Viele Grüße KS

HJ L · 11. März 2018 at 18:12

Hallo Frau Baumeister!
Ende 2015 erlitt ich gänzlich einen Abriss der Supraspinatussehne. Nach einem von der Versicherung erteilten Gutachten bekomme ich eine Invalidität von 1/5 des Armwertes. Daraufhin habe ich der Versicherung erläutert, dass eine Minderung von nur 1/5 zu gering ist, und auch die gemessenen Bewegungswerte nicht stimmen. Trotz mehrfacher Nachfrage meinerseits hat nun die Versicherung nach 11 Monaten mitgeteilt, dass der Arzt/ Gutachten sich in der Sache trotz Nachfrage nicht erneut geäußert hat. Gleichzeitig hat die Versicherung darauf hingewiesen, dass bis zum dritten Jahr beide Seiten einen neu Begutachtung durchführen lassen können, was die Versicherung nun auch vorgegeben hat. Nachdem sich nun der erste Gutachter nicht mehr gemeldet haben soll, was von mir nur schwerlich „zu glauben“ ist, sehe ich nun von meiner Seite keinen Sinn darin, erneut mich zu einer Begutachtung zu stellen. Zumal die Versicherung jetzt auch eine Institut für Begutachtung gewählt hat. Laut der AGB vom Jahr des Versicherungsabschlusses ist nicht geregelt, dass einen neu Begutachtung durchgeführt werden kann. Lediglich geregelt ist einen Begutachtung bis zu einem Jahr, wenn eine Arbeitsunfähigkeit vorliegt, die aber nicht vorliegt. Ich bin Rentner.
Freundlichst
Hans- Jürgen

    Angela Baumeister · 12. März 2018 at 08:03

    Eine kostenlose Individualberatung ist in diesem Blog nicht möglich. Hier können nur sehr allgemeingültige Fragen beantwortet werden. Bei individuellem Beratungsbedarf wenden Sie sich bitte an meine Kanzlei per E-Mail unter info@versicherungsberaterin.net. Die Gebühren liegen in etwa im Rahmen des Rechtsanwaltsvergütungsgesetzes.

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