Braucht man sie wirklich? Wer braucht sie? Worauf muss man achten. Der Artikel ist m.E. schlecht recherchiert und enthält zudem inhaltliche Fehler.

Fake News Versicherungsrecht

Errechnen Sie doch einmal spaßhalber, was die gesetzliche Unfallversicherung denn für ein Kind, welches auf dem Schulweg schwer verunglückt, zahlt. Kommt es damit bis ans Lebensende hin? Wenn es vielleicht nie einen Beruf erlernen kann? Wenn die Eltern irgendwann einmal nicht mehr da sind, um zu unterstützen? Wie sind die finanziellen Mittel denn, wenn es heißt: Wir müssen umziehen, wir müssen umbauen, ein Elternteil muss den Job aufgeben, etc. pp. Mit den Mitteln aus der gesetzlichen Unfallversicherung kommen Sie in aller Regel nicht so furchtbar weit.

Ich meine daher: Für Hausfrauen, Kinder, Schüler und Studenten ist eine gute Private Unfallversicherung mit ausreichenden Versicherungssummen ein absolutes Muss! Aber auch für die anderen Gruppen macht eine gute private Unfallversicherung durchaus Sinn. Das gilt besonders dann, wenn eine Berufsunfähigkeitsversicherung aus gesundheitlichen und/oder finanziellen Gründen nicht abgeschlossen werden kann/soll. Hierauf wird in dem Artikel jedoch auch hingewiesen. Auch wenn es statistisch gesehen häufiger wegen einer Erkrankung zu einer Berunfsunfähigkeit kommt, können Sie für sich persönlich nicht ausschließen, doch irgendwann einmal zu dieser Minderheit zu gehören. Von einer BU-Rente, die in den meisten Fällen aus Kostengründen mit einer zu geringen Rente abgeschlossen wird, können Sie in aller Regel auch keine größeren Sprünge machen, wie eben z.B. den behindertengerechten Umbau Ihres Hauses.

Auf Seite 2 des Artikels setzte bei mir spontane Schnappatmung ein.  Wer hat dem Journalisten solch einen Unsinn verkauft?

Das Amputationsbeispiel: Hier verneint der Autor die Plötzlichkeit bei Erfrierungen und dadurch erforderlichen Amputationen. Ein Ereignis ist auch plötzlich, wenn der Eintritt für den Betroffenen überraschend und unentrinnbar war.

Das Fahrradbeispiel: Wenn der Sturz aus innerer Ursache erfolgte, ist dies so. Beispiel: Beim Fahrradfahren einen Herzinfarkt erlitten. Aber sonst ist ein Sturz von einem Fahrrad immer ein Unfallereignis. Schließlich stürzt man nicht einfach so (innere Ursachen ausgenommen). Wenn es wirklich keinen äußeren Faktor für den Sturz gibt, wie z.B. nasse Straße, Stein, Schlagloch, etc., dann fällt man doch nur dann, wenn man entweder ungeschickt oder unachtsam war. Auch dies gilt durchaus als äußere Einwirkung.

Mensch aus Gefahrensituation retten: Nicht das Ereignis muss unfreiwillig sein, sondern die Gesundheitsschädigung! Selbstverständlich ist der Unfallbegriff erfüllt, wenn ein Mensch einen anderen rettet oder dies versucht und dabei selbst unfreiwillig zu Schaden kommt.

Herzinfarkt/Psyche: Das Beispiel ist völlig unverständlich. Was hat das eine (Unfallbegriff – innere Ursache) mit dem anderen (Ausschluss psychische Reaktionen) zu tun? Es erschließt sich mir nicht wirklich.

Mitwirkung: Auch das ist falsch. Bei einer Mitwirkung unfallunabhängiger Erkrankungen wird nicht der Invaliditätsgrad gemindert, sondern die Leistung. Kleiner aber feiner Unterschied.

Das Augenmerk bei der Wahl der richtigen PUV auf die Bedingungen und die Leistungen zu legen ist natürlich richtig. Man darf sich hierbei auch nicht blenden lassen. Viele Versicherer verkaufen Leistungen bzw. heben diese besonders hervor, die dem Versicherten laut Rechtsprechung sowieso zustehen. Aber natürlich kann man Streitigkeiten vermeiden, wenn Leistungspunkte klar und eindeutig definiert sind.

Den Test habe ich mir allerdings gar nicht erst näher angesehen. Wo ist der eigentlich? Zumindest nicht in dem Artikel. Die weitere Suche habe ich mir aber gespart, denn ich halte – auch in anderen Sparten – nichts von Tests von irgendwelchen Ratingagenturen und den im Anschluss vergebenen Kreuzen, Sternchen und Blümchen.

Ich habe im Übrigen auch eine Stellungnahme zum Artikel verfasst und wegen der umfangreichen Kritik auf diesen Artikel verlinkt. Ich bin sehr gespannt, ob Focus Money „sich traut“

Edit: Nein, sie trauen sich offenbar nicht.

 


3 Comments

Matthias Mühlichen · 16. April 2012 at 13:06

Sehr geehrte Frau Baumeister,
bei Mitwirkung von Krankheiten, Gebrechen, Unfallfolgen wird nach Muster-AUB bei Invalidität der Invaliditätsgrad gekürzt, in den anderen Fällen wie Tod die Leistung. Einige Gesellschaften kürzen grundsätzlich lt. BBR nur die Leistung, auch bei Invalidität (z. B. InterRisk), manche machen Unterschiede bei zwischen Kapitalleistung und Unfallrente. Letztere wird in vielen Bedingungswerken nach AUB behandelt und nicht nach BBR.
Ansonsten danke für den Beitrag. Teilweise ist es schon abenteuerlich, was man in der Presse so lesen kann.
MfG
Matthias Mühlichen

admin · 16. April 2012 at 13:57

Hallo Herr Mühlichen,
herzlichen Dank für Ihren Kommentar.
Sie haben Recht, bei den neuen AUB (ab AUB99)ist das so. Bei den älteren Bedingungen jedoch nicht. Deshalb kann man das pauschal eigentlich gar nicht sagen sondern es kommt zunächst einmal auf das dem Vertrag zu Grunde liegende Bedingungswerk an. In meinem Beitrag fehlt insofern das Wörtchen „zwingend“. Es wird also nicht zwingend der Invaliditätsgrad gemindert, sondern die Leistung. Das haben die Versicherer „schön“ mit den AUB99 eingerichtet, denn so können sie häufiger unterhalb der nächsten Progressionsstufe bleiben. 😉 Eine Aktualisierung auf neue Vertragsbedingungen ist insofern nicht immer von Vorteil für den Versicherungsnehmer.
Viele Grüße
Angela Baumeister

Matthias Mühlichen · 16. April 2012 at 14:10

Hallo, Frau Baumeister, danke für diese Klarstellung :),
die Bedingungen vor 1999 waren nicht so sehr „meine Zeit“. In den letzten Jahren habe ich mich ein bisschen auf Unfallversicherungen „spezialisiert“, vor allem, was die in EUR zu zahlenden Leistungen bei Invalidität angeht. Da sind die Unterschiede teilweise extrem (oft im fünfstelligen Bereich).
Wenn man dazu die Werbeaussagen der VR sieht… (Wer am lautesten ruft, hat es u. U. nötig ;))
Herzliche Grüße aus Meck-Pomm
Matthias Mühlichen

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