Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. ist, zusammen mit seinen Mitgliedsunternehmen, darum bemüht Versicherungsbedingungen verständlicher und somit verbraucherfreundlicher zu gestalten.
Weg vom Versicherungschinesisch, hin zum verständlichen Vertragswerk.

Das ist ein guter und richtiger Schritt.

Die Umsetzung ist mit den AUB 2014 meiner Meinung nach soweit auch ganz gut gelungen.

Musterbedingungen AUB 2014

Aber: Mich stören die Beispiele!

Sie dienen schon der Verständlichkeit, ja.
Und wie soll man es sonst gut und laienverständlich erklären, wenn nicht anhand eines Beispiels?
Man kann auch sicherlich als Versicherer nicht alle „wenn“ und „aber“ aufführen, sonst haben wir bald Versicherungsbedingungen in Büchern. Das wollen wir alle nicht.

Nun hat der Versicherte einen Unfall. Liest in den Bedingungen. Versteht sie. Findet sich im Beispiel wieder und meldet den Unfall nicht. Dies, weil er denkt, er hätte sowieso keinen Anspruch.

Sehen wir uns beispielsweise das Beispiel für Ziffer 5.1.1 AUB 2014 an
(Ausgeschlossene Unfälle, Thema Bewusstseinsstörung).

Hierzu steht in den Musterbedingungen AUB 2014:

Beispiele: Die versicherte Person
– stürzt infolge einer Kreislaufstörung die Treppe hinunter.
– kommt unter Alkoholeinfluss mit dem Fahrzeug von der Straße ab.
– torkelt alkoholbedingt auf dem Heimweg von der Gaststätte und fällt in eine Baugrube.
– balanciert aufgrund Drogenkonsums auf einem Geländer und stürzt ab.

Das alles können in der Tat Beispiele dafür sein, warum der Versicherer seine Leistungspflicht ablehnen könnte. Könnte! Aber nicht zwingend muss. Und nicht zwingend erfolgreich.

Hierzu muss man wissen, dass der Versicherer für das Vorliegen eines Ausschlusstatbestandes beweispflichtig ist. Manchmal gelingt ihm der Beweis. Manchmal aber eben auch nicht.
Artikel zum Thema: Alkoholbedingte Bewusstseinsstörung

Es ist eben oft nicht ganz so klar, ob eine Leistungspflicht (ggf. auch grenzwertig) besteht oder nicht. Das gilt auch für den Drogenkonsum und auch für die Kreislaufstörung.

Ein weiteres Beispiel bietet Ziffer 2.1.1. AUB 2014 (Voraussetzung für die Invaliditätsleistung)

Beispiel: Eine Beeinträchtigung ist nicht dauerhaft, wenn die versicherte Person einen Knochenbruch erleidet, der innerhalb eines Jahres folgenlos ausheilt.

Warum ausgerechnet die Fraktur als Beispiel? Bei fast allen Erwachsenen verbleibt eine Invalidität nach einem Knochenbruch. Die Versicherten haben oft eh schon ein Problem damit, sich als „Invalide“ mit Anspruch zu sehen, wenn die Einschränkungen eher geringgradig sind. Viele stellen sich vor, dass da was viel schlimmeres passieren müsste, damit sie einen Anspruch haben.

Aber nein: Auch schon kleinere Folgen führen möglicherweise zu einer Leistungspflicht.
Artikel zum Thema: Invalide? Invalide!

Die beiden Beispiele sind nur auszugsweise genannt. Auch die anderen Beispiele könnten den Versicherungsnehmer durchaus dazu verleiten, einen Unfall gar nicht erst anzuzeigen.

Es gibt in den Bedingungen allerdings auch Beispiele, wo der Versicherer sich selbst in die (Leistungs-)Pflicht nimmt.

So, z.B. unter Ziffer 1.4 AUB 2014 (Erweiterter Unfallbegriff)

Beispiel: Die versicherte Person zerrt sich bei einem Klimmzug die Muskulatur am Unterarm.

Dieses „sich selbst in die Pflicht nehmen“ geschieht aber weitaus vorsichtiger als bei den Negativbeispielen, denn

  • eine Muskelzerrung wird nur in Ausnahmefällen überhaupt einen Anspruch begründen
  • das Beispiel wird auch dadurch relativiert, dass es weiter in den Bedingungen heißt:

Eine erhöhte Kraftanstrengung ist eine Bewegung, deren Muskeleinsatz über die normalen Handlungen des täglichen Lebens hinausgeht. Maßgeblich für die Beurteilung des Muskeleinsatzes sind die individuellen körperlichen Verhältnisse der versicherten Person.

Da ist die Tür für den Versicherer.

Ich hätte es schön gefunden, wenn der GdV bzw. die Versicherer auch die Tür auch bei den Negativbeispielen (Leistungsfreiheit) für den Versicherungsnehmer offen(er) gelassen hätte.

 

Foto: Pixabay von geralt

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